Aus der Praxis für die Praxis: Pool an biografischen Interviewfragen

15
Mrz

Aus der Praxis für die Praxis: Pool an biografischen Interviewfragen

1. Ausdauer
Die Ausdauer (engl. „perseverance“) ist der Teilaspekt der Eigenmotivation, der die Fähigkeit beschreibt, ein Ziel mit Anstrengung auch dann unvermindert weiterzuverfolgen, wenn dessen Erreichen lange dauert und Widerstände zu überwinden sind.

OBERMANN_1355

Hohe Treffsicherheit im Interview durch valide Fragen nach der Berufsbiografie

  1. Manchmal müssen wir dicke Bretter bohren, um am Ende Erfolg zu haben. Für welches Vorhaben mussten Sie am längsten kämpfen? (Anmerkung: Geht die Antwort in Richtung von „Aushalten und Warten“ oder „Aktiv angehen“?)
  2. Können Sie mir ein Beispiel dafür geben, dass Sie eine Idee zunächst nicht „verkaufen“ konnten und es dann ein- oder mehrfach nochmals versucht haben? Was haben Sie jeweils anders gemacht? (Anmerkung: Wie lange reicht die Ausdauer?)
  3. Was war eine Aufgabe, bei der Sie trotz allem Bemühen aufgeben mussten, bevor sie abgeschlossen war?
  4. Für welches Thema/Projekt waren Sie verantwortlich, für das in der Organisation der größte Widerstand bestand?

 

2. Fleiß
Fleiß umschreibt die Bereitschaft, gerne viel zu arbeiten. Fleißige Personen haben auch keine Probleme damit, sich wiederholenden oder weniger komplexen Aufgaben zu stellen, ohne in ihrer Anstrengung nachzulassen.

  1. Denken Sie bitte an eine Phase in Ihrem beruflichen Leben, in der Sie besonders fleißig waren oder hart gearbeitet haben? Wann haben Sie sich gut gefühlt, wann war es zu viel?
  2. Wie sieht aktuell Ihr Arbeitstag/Ihre Arbeitswoche aus – wann beginnen Sie, wann sind Pausen, wann enden die Tage, was nehmen Sie nach Hause mit, wie viele Arbeitsstunden haben Sie? Wie intensiv empfinden Sie die Beanspruchung?
  3. Denken Sie an die letzten Wochen zurück und nennen Sie mir fünf Beispiele dafür, wie neue Aufträge/Aufgaben in Ihr Team hineinkamen. Wann haben Sie zuerst Ihren Finger gehoben, um das zu übernehmen, wann haben Sie sich gedacht, dass erst mal ein Kollege das übernehmen soll?
  4. Stichwort Fleiß: Können Sie mir anhand von für mich nachvollziehbaren Vergleichen oder Beispielen aus Ihrem aktuellen Arbeitsleben aufzeigen, wie fleißig Sie sind?
  5. Berichten Sie mir von einer Zeit, in der Sie hart gearbeitet haben, große Freude hatten, sozusagen im „Flow“ waren!
  6. Viele berufliche Tätigkeiten beinhalten auch weniger angenehme Seiten. Welche sind das bei Ihnen gewesen? Woran zeigt sich Ihr Erfolg oder Misserfolg dabei?

 

3. Misserfolgsvermeidung/Perfektionsstreben
Das Streben nach Fehlerfreiheit und Vollkommenheit wird als Perfektionsstreben beschrieben. Dies beinhaltet u. a. hohe persönliche Standards und Organisiertheit. Im Gegensatz zu diesem Streben ist die Misserfolgsvermeidung eher durch die Sorge vor Fehlern charakterisiert, was sich durch Leistungszweifel und Fehlersensibilität auszeichnet.

  1. Wohin geht aktuell Ihre meiste Energie dabei, bestimmte Fehler zu vermeiden?
  2. Stichwort Perfektionsstreben – wenn Sie sich mit Ihren Kollegen vergleichen, wann ziehen Sie nochmals eine neue Qualitätsschleife, wenn andere die Aufgabe schon als beendet erklären?
  3. Sind Sie eine Persönlichkeit, die nicht schon bei 90% Schluss macht, sondern auch noch die letzten Aspekte optimiert, selbst dann, wenn die Aufwands-/Nutzenrelation nicht mehr stimmt? Geben Sie mir Beispiele dafür, die diese Einstellung gut demonstrieren!
  4. Bei welchen Themen sind Sie absoluter Perfektionist, wann lassen Sie „fünf gerade sein“? (Anmerkung: Wenn diese Kompetenz wichtig ist, sollte idealerweise bei keinem Thema die „fünf gerade sein“.)

 

4. Erfolgsstreben, Ehrgeiz
Wer stark leistungs- und erfolgsmotiviert ist, also im Leben viel erreichen möchte/die Nummer eins oder der Beste sein will, besitzt ein hohes Maß an Ehrgeiz und Erfolgsstreben. Ehrgeizige Menschen setzen sich für sich selbst und ihre Aufgaben ambitionierte Ziele, die für andere Menschen mit gleichen Kompetenzen nicht erreichbar erscheinen und die sich entsprechend gar nicht erst auf den Weg machen.

  1. Bitte blicken Sie auf Ihre letzten beiden beruflichen Positionen zurück – welchen „foot print“ i. S. von nachhaltigen Verbesserungen/Ergebnissen haben Sie hinterlassen?
  2. Ich würde gerne verstehen, wie Sie Ihre aktuellen Tätigkeiten organisieren – nennen Sie mir bitte drei, vier oder fünf typische Tätigkeiten aus dieser Woche. Was war jeweils der Auftrag/die Ausgangslage, was war Ihr Anspruch für die Umsetzung und wie ist es Ihnen in der Umsetzung gelungen? (Anmerkung: Welcher Ehrgeiz wird aus den Beispielen deutlich?)
  3. Hatten Sie in Ihren letzten beiden beruflichen Stationen den Wunsch, Nummer eins werden zu wollen?
  4. Die meisten von uns haben schriftlich festgehaltene Zielvereinbarungen. Um Ihren Ehrgeiz zu verstehen: Haben Sie über die offiziellen Ziele hinaus eine persönliche Agenda, was Sie bewegen/verändern möchten?

Auf welche Erfolge in Ihrem beruflichen Leben sind Sie am stolzesten? (Anmerkung: Im Sinne von Erfolgsstreben wären kritische Antworten externe

  1. Belohnungen (z. B. Beförderungen oder Anerkennung) und gute Antworten Ergebnisse, die unter schwierigen Rahmenbedingungen oder unter Anstrengungen erzielt wurden.)
  2. Welche Erfahrungen haben Sie damit, in Wettbewerben, Rankings, Benchmarks usw. mit anderen Einheiten oder Kollegen bewertet und verglichen zu werden? Was waren dabei Ihre Erfolge und Misserfolge?
  3. Gehen wir bitte kurz Ihre vergangenen Jobs durch – mit welchen eigenen Zielen sind Sie jeweils gestartet, was waren nach einer Weile Ergebnisse und welche Widerstände haben Sie an der Zielerfüllung gehindert? Welche Hindernisse/Hürden traten in Ihrer Zielerreichung auf? Was haben Sie unternommen, um Ihre Ziele zu erreichen?

 

5. Gestaltungs-/Veränderungsmotivation
Menschen mit hoher Gestaltungs-/Veränderungsmotivation, einer Variante von Ehrgeiz, haben ambitionierte Ziele in Bezug darauf, in ihrer (beruflichen) Umwelt größere Veränderungen umzusetzen als andere Menschen.

  1. Berichten Sie von einer Zeit, bei der Sie das Gefühl hatten, im Job alles erreicht zu haben, um dann einen nächsten Schritt zu organisieren? (Anmerkung: Nachhaken, was tatsächlich eigene Bemühungen waren oder was Angebote von Dritten waren, die selbstwertdienlich interpretiert wurden.
  2. An welchen ambitionierten Gestaltungs- und Veränderungszielen arbeiten Sie noch in Ihrer aktuellen beruflichen Aufgabe – was ist noch nicht erledigt? (Anmerkung: Welcher Gestaltungsanspruch wird hier deutlich?)
  3. Sind Sie ein Mensch mit vielen Ideen, der viel bewegen will? Wenn ja, anhand welcher Beispiele aus dem aktuellen Job könnten Sie dies demonstrieren?
  4. Wenn Sie auf Ihre bisherigen Gestaltungsbeiträge im Beruf schauen – an welchen Stellen konnten Sie auch über Ihre eigene Abteilung/Region hinweg erkennbar wirksam werden?
  5. Wenn Sie sich mit Ihren Kollegen vergleichen, welches Gehör haben Sie für Gestaltungs- und Veränderungsvorschläge, die über Ihren direkten Arbeitsplatz hinausgehen?
  6. Wenn Sie Ihren aktuellen Job damit vergleichen, wie Sie ihn ursprünglich übernommen hatten, was sind Unterschiede, die aufzeigen, was Sie alles verändert und gestaltet haben?

 

6. Einsatz und Commitment für den Job
„Commitment“ (engl. für Bindung, Hingabe oder Einsatz) steht für die Stärke der Identifikation einer Person mit seinem Job. Wer für seinen Job brennt, hinter den auszuführenden Tätigkeiten und Aufgaben steht, gerne zur Arbeit geht und bereit ist, die „Extra-Meile“ zu gehen, zeigt eine starke Identifikation und großen Einsatz für seinen Job.

  1. Was sind berufliche Einschnitte, die Sie haben hinnehmen müssen (z. B. Umzüge, Jobwechsel ohne unmittelbare Vorteile), die gleichzeitig Ihren Einsatz für das Unternehmen demonstrieren?
  2. Was sind in Ihrer aktuellen beruflichen Aufgabe Tätigkeiten, für die Sie richtig brennen und bei denen Sie gar nicht mehr auf die Uhr schauen?
  3. Wenn Sie an die letzten Monate zurückdenken, wann mussten Sie eine „Extra-Meile“ für Ihren Job gehen?
  4. Sind Sie jemand, der neue Aufträge/Aufgaben sofort anpackt und erledigt? Können Sie mir aus den letzten Wochen dafür zwei oder drei Beispiele benennen, die wir ggfs. später vertiefen?
  5. Bitte blicken Sie auf die zeitliche Belastung innerhalb Ihrer vergangenen beruflichen Tätigkeiten zurück: Was waren Situationen, in denen das normal übliche Maß überschritten war, wann war es gerade noch o. k.? (Anmerkung: Hier sehr stark ins Detail zu genauen Arbeits- und Pausenzeiten an einzelnen Tagen gehen, um sozial erwünschte Antworten zu verhindern.)
  6. Für welche Projekte – zusätzlich zu Ihrem „Tagesgeschäft“ und Ihrer Führungsaufgabe – waren Sie in den letzten drei Jahren verantwortlich und konnten diese erfolgreich abschließen?

 

7. Verantwortungsbereitschaft
Verantwortungsbereitschaft ist verwandt mit der Initiative. Hier geht es darum, speziell dann Initiative zu zeigen, wenn sich andere Personen um Missstände oder Aufgaben nicht kümmern. Verantwortungsbereite Menschen denken auch einen Schritt weiter, welche weiteren Folgen ihr Tun haben könnte und verhalten sich danach.

  1. Verantwortungsbereitschaft bedeutet u. a., Dinge in die Hand zu nehmen, die andere gar nicht erst sehen. Können Sie bitte kurz nachdenken und aus den letzten Wochen einige Beispiele für solche Situationen und Ihr Verhalten zusammenstellen?
  2. Wenn Sie auf die letzten Monate zurückblicken, was haben Sie getan, was eigentlich mehr ist als das, was vom Job her notwendig wäre? (Anmerkung: Sind es Selbstverständlichkeiten oder große Dinge?)
  3. Wann haben Sie zuletzt etwas in die Hand genommen, für das Sie eigentlich nicht verantwortlich sind, das aber offensichtlich erledigt werden musste?

 

Dienstleistungen Obermann Consulting

  • Überarbeitung von Kompetenzmodellen als Leitrahmen für die Personalarbeit
  • Konzeption von Interviewleitfäden und Zusammenstellung valider Interviewfragen
  • Training von Führungskräften und Personalern in professioneller Interviewführung

Weitere Artikel dieser Newsletterausgabe: